Ein freies Leben mit Raum für Wachstum: Schwester Angelique Keukens

Von ihren Landsleuten gibt es viele in Münster. Allerdings ist die gebürtige Niederländerin Angelique Keukens anders als die meisten nicht als Touristin oder zum Shoppen hier, sondern gehört dem Orden der Clemensschwestern an. Ab Ende Mai wird sie als deren neugewählte Generalrätin im Mutterhaus in Münster leben.

Am Anfang ihres geweihten Lebens stand die Neugier. "Ich wollte Klosteratmosphäre erleben, und da ich Germanistik studiert hatte, habe ich nach deutschen Klöstern geschaut", schildert Schwester Angelique. Bei den Clemensschwestern sei sie "hängengeblieben". Zuvor hatte die katholische erzogene Frau außer dem Germanistikstudium eine Ausbildung als psychosoziale Therapeutin absolviert sowie in einem Kindergarten und einer Tanzschule gearbeitet. Innerlich hatte sie stets eine Sinnsuche beschäftigt, sodass sie sich mit spirituellen Wegen wie etwa der Esoterik auseinandersetzte – ohne, dass das bleibenden Eindruck hinterließ.

Anders das Kloster. In der früheren Ordensniederlassung in Arnsberg knüpfte sie bei einem Gemeinschaftstag Kontakt zu drei Clemensschwestern. Am Ende des Tages funkte es – in der Vesper. "Das war überwältigend", erinnert sich Schwester Angelique, "bis dahin hatte ich höchstens zweimal Schwestern in Tracht gesehen." Die Vesper war aber nicht nur deshalb ein Aha-Effekt: "Wenn ich einen Berufungsmoment erlebt habe, dann diesen. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass diese Lebensform auch heute eine echte Möglichkeit sein kann." Dieser bewusste Moment habe sie selbst überrascht, "weil ich das vorher nicht großartig durchdacht hatte. Ich spürte, dass das Kloster atmosphärisch ein guter Ort ist."

Über fünf Jahre führte sie Gespräche mit den Clemensschwestern. Außerdem habe sie "abgetastet, ob ich mir nicht nur dieses Leben vorstellen, sondern auch aufgeben konnte, was ich hatte. Denn ich war eigentlich zufrieden." Dennoch konnte sie sich genau das vorstellen, trat 2005 bei den Clemensschwestern ein, legte 2008 die erste, 2014 die ewige Profess ab. Parallel studierte sie Soziale Arbeit und arbeitete in einer Jugend-Wohngruppe der Caritas Rheine.

Für die 43-Jährige war das der richtige Weg: "Ich hatte das Gefühl gesucht, dass ich wirklich lebe, und das konnte mir nur ein spirituelles Leben geben." Bei anderen stieß dieser Weg nicht nur auf Begeisterung. "Meine Eltern etwa mussten ja mit zwei Schritten fertig werden: dass ich Schwester werde und dass ich in ein anderes Land gehe", erzählt die Niederländerin. Viele andere Bekannte hätten den Eintritt in den Orden für sie passend gefunden, aber nicht die Bindung an die Kirche: "Sie waren besorgt, das könnte gerade mich als Frau einschränken." Sie selbst teilte diese Befürchtungen nicht: "So werden, wie Gott mich will, kann ich genau in dieser Kirche, in dieser ,überalterten‘ Gemeinschaft, außerhalb der Heimat."

Trotz dieser Sicherheit kennt Schwester Angelique Zweifel, "ob ich ein Leben lang ja sagen kann zum inneren, geistlichen Weg und zu dem Weg, den die Gemeinschaft geht, zum Zusammenleben.". Wie in einer Paarbeziehung stimmten "nicht alle Vorstellungen mit der Realität überein, nach der Rosa-Wolken-Phase dauert es, bis man im Alltag des Gemeinschaftslebens ankommt. Aber aus dem Sich-Zurücknehmen entsteht auch Gutes für einen selbst."

Dass sie im Orden eine der wenigen Jüngeren ist, treibt die 43-Jährige nicht um: "Das ändert nichts an der Lebendigkeit der Gemeinschaft." Der Bezug auf das Evangelium verbinde alle. "Ich möchte wertschätzend sehen, welche Traditionen den Älteren wichtig sind, was sie aufgebaut haben", sagt Schwester Angelique. Zwar sei es ihr schwergefallen, zu erleben, wie viele Mitschwestern starben, "aber es überwiegt die Dankbarkeit für die Zeit, die wir hatten." So ist sie zuversichtlich: "Gott hat mich auf einem zunächst ungewissen Weg in dieses Leben geführt, das hat er bestimmt nicht getan, um es wieder aufzulösen."

Dieses Leben fand bisher gefühlt manchmal in zwei Welten statt, musste sie doch Klosterleben und Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen in der Wohngruppe kombinieren. Dabei habe es Planung erfordert, "Raum für geistliches Leben und Gebet zu finden." In Münster werde das anders sein: "Das Gebetsleben ist strukturierter." Daneben blieb und bleibt Raum für Freizeitaktivitäten. Schwester Angelique geht etwa gern ins Kino. "Ich habe gelernt und lerne noch, genau zu schauen, was im Moment wichtig ist", verrät sie. Zum Wichtigen zählt der Kontakt zu Familie und Freunden, und doch: "Meine Lebensmitte ist in der Gemeinschaft."

Ob das künftig noch für viele Menschen gelten wird, weiß sie nicht, glaubt aber: "Viele leben ihre christliche Berufung, das muss nicht im Kloster sein." Spirituelles Leben sei heute vielseitig. Orden wiederum müssten Einblicke gewähren. "Es gibt viele falsche Vorstellungen, die Menschen abhalten, Klosterleben in Erwägung zu ziehen", meint Schwester Angelique.

Für viele sei das gleichbedeutend mit Fremdbestimmung. "Ich aber fühle mich genau hier frei und habe das Gefühl, in der Freiheit zu wachsen", erklärt Schwester Angelique. Freiheit habe damit zu tun, loslassen zu können. Ob Materielles, festgefahrene Überzeugungen oder der Wille, sich durchzusetzen: "Wenn ich loslasse, was ich nicht brauche, kann ich entdecken, was mir zu mehr Leben in Christus verhilft", meint sie. Genau das ist für sie "sinnerfülltes Leben" – das Ziel einer intensiven Sinnsuche.

Das von Papst Franziskus ausgerufene ,Jahr des geweihten Lebens‘ – in Deutschland auch ,Jahr der Orden‘ – wurde am ersten Advent 2014 eröffnet. Es dauert bis zum 2. Februar 2016. Denn am 2. Februar wird jedes Jahr der Welttag des geweihten Lebens gefeiert.

 

 

 

 

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