Von der Klinikmanagerin zur Konventgründerin

Seit einigen Tagen lebt Schwester Andrea im Pfarrhaus von St. Nikomedes. Im Spätsommer werden zwei weitere Schwestern der Gemeinschaft der „Franziskanerinnen Töchter von Pater Pio“ nach Steinfurt ziehen und den Konvent komplettieren. Foto: Gudrun Niewöhner

Sie war im Management einer Augsburger Klinik, hatte ein eigenes Haus und andere Annehmlichkeiten, die mit einem gut bezahlten Job verbunden sind. Und doch fehlte Schwester Andrea etwas: „Bei allem, was gut war, gab es doch eine Leere.“ Durch Zufall lernte die 48-Jährige bei einem Auslandsaufenthalt die Gemeinschaft der „Franziskanerinnen Töchter von Pater Pio“ kennen. Sie wagte das Abenteuer, verkaufte in Deutschland alles – und ging nach Benin. Im vergangenen Jahr kam Andrea Höltervenhoff, wie sie mit bürgerlichen Namen heißt, zurück aus Westafrika nach Reken, wo ihre Eltern leben. Eigentlich nur zum Heimatbesuch. Doch Schwester Andrea blieb. Ihr Orden hat die Einladung von Bischof Dr. Felix Genn angenommen, im Bistum Münster, genauer gesagt, im Pfarrhaus von St. Nikomedes in Steinfurt, einen Konvent zu gründen.

Noch ist Schwester Andrea dabei, sich einzurichten: „Das meiste ist aber geschafft.“ Die Möbel hat sie übernommen. Außer zwei Koffern hat die Ordensfrau keine Habseligkeiten. Seit einigen Monaten schon arbeitet sie im Clemenshospital als Kinderkrankenschwester, hat dafür einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Mit ihrem Verdienst finanziert sie ihr Leben und unterstützt die Mitschwestern in Benin.

Schon während ihrer Schulzeit am Gymnasium der Mariannhiller in Maria Veen bekam Schwester Andrea Fernweh, wenn die Missionare aus ihrem Alltag berichteten. Das Abi-Zeugnis in der Tasche, hielt sie nichts mehr im Münsterland. Nur den Eltern zu Liebe kam sie nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien wieder nach Deutschland und machte eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in Datteln. „Für mich war immer klar: Ich möchte schnell wieder weg“, erinnert sie sich.
Schwester Andrea hörte von einem Projekt der Cap-Anamur-Gründer Christel und Rupert Neudeck in Benin. Alles ging ganz schnell. Drei Jahre lang leitete sie die Krankenstation, die das deutsche Ehepaar damals in Westafrika unterstützte. Alt werden wollte sie dort aber nicht. Die junge Frau zog nach München, wo sie Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Gesundheits- und Sozialmanagement studierte. Den Kontakt nach Westafrika ließ sie nie abreißen.
Auch später nicht, als sie in einer Augsburger Fachklinik arbeitete. Im Krankenhaus gab es Franziskanerinnen, an deren Gebetszeiten die Managerin teilnahm. Selbst in einen Orden einzutreten, diesen früheren Gedanken hatte Andrea Höltervenhoff eigentlich längst verworfen: „Ich wollte in der Welt die Nachfolge Christi leben.“

Mal wieder als Vertretung in Benin, lernte sie 2009 eine junge Frau kennen, die als Ärztin in der Krankenstation arbeitete. Diese gehörte dem Orden der „Franziskanerinnen Töchter von Pater Pio“ an, einer jungen Gemeinschaft, die von einem Priester in Benin gegründet worden war und der heute 104 Schwestern angehören. Das soziale Engagement, die franziskanische Spiritualität – all das faszinierte Andrea Höltervenhoff, die inzwischen in Augsburg zwar zu Hause, aber nicht so wirklich beheimatet war.

Als erste und bislang einzige Europäerin trat sie vor sechs Jahren als Novizin in den Orden ein. Und plötzlich war ihr Leben afrikanisch. „Vorher war ich als Entwicklungshelferin in Benin – und jetzt als Teil einer Gemeinschaft.“ Schwester Andrea musste sich an manches gewöhnen. Auch an das Chaos in einer afrikanischen Küche: „Da stehen die Töpfe und Teller nicht so geordnet nebeneinander wie bei uns“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.
Sie half in Benin, zwei Schulen aufzubauen und ein Krankenhaus zu reaktivieren. Für die Menschen da zu sein, ihnen Wege aus der Armut zu zeigen, Bildung zu bringen und Familien zu begleiten – die Werte des Ordensgründers liegen Schwester Andrea am Herzen.

Deshalb war sie auch eher zurückhaltend, als ihre afrikanische Mitschwester nach einem Besuch am münsterischen Domplatz begeistert vom Wunsch des Bischofs war, sich im Bistum Münster niederzulassen. Doch dann hat sich die 48-Jährige den Ordensregeln gestellt. Dass das große Pfarrhaus von St. Nikomedes genügend Platz für den neuen Pfarrer Dr. Jochen Reidegeld und einen Schwesternkonvent bietet, ist so etwas wie eine Fügung.

Die „Franziskanerinnen Töchter von Pater Pio“ leben dort nicht zurückgezogen, sie wollen sich einbringen in das Gemeindeleben: „Das war unserem Gründer wichtig.“

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